Museum Großes Walsertal
museum magazin 23/2019




Einblick statt Überblick

Text: Monika Kühne

Wie lebt es sich in Extremlagen? Um diese Frage zu beantworten, entwickelten Elisabeth Burtscher und Monika Martin für das Museum Großes Walsertal in Sonntag spezielle Führungen. Ihre nach museumspädagogischen Kriterien entwickelten Programme bieten einen neuen Zugang zu den oft mit Vorurteilen behafteten „verstaubten“ Heimatmuseen. Themenführungen für Erwachsene ermöglichen durch ausgewählte Objekte eine neue Tiefe des Verständnisses, ganz im Sinne von „Einblick statt Überblick“. Von Details zu einem größeren Ganzen führen „Die sieben Perlen“, eine Familientour, die den Forschergeist weckt und alle Sinne anspricht.

Was erwarten die Besucher des Museums Großes Walsertal? „Alt, langweilig, kenne ich schon, nur schauen dürfen …“ Den Vorurteilen gegenüber Heimatmuseen begegnen die beiden Musemspädagoginnen Elisabeth Burtscher und Monika Martin mit speziellen Themenführungen und Vermittlungsprogrammen. Sie entwickelten in den letzten zehn Jahren Konzepte für Kinder und Erwachsene, die in die Tiefe gehen. Ein eindrucksvolles Zeichen der großen Bedeutung der Museumspädagogik für ehrenamtlich geführte regionale Museen. Die Fülle an Themen des Museums in Sonntag mit seinen 23 Räumen lässt sich nicht bei einem Besuch völlig erfassen. „Man kann nicht eine ganze Speisekarte durchessen, man muss sich entscheiden“, argumentiert Elisabeth Burtscher. Für ihre Themenführungen „Einblick statt Überblick“ wählt sie bestimmte Objekte aus. Durch die intensive Auseinandersetzung mit dem Einzelnen erwächst ein Kontext zum großen Ganzen. Dabei spannt sich der Bogen des „Lebens in Extremlagen“ von der Vergangenheit bis in die Gegenwart – von der „Schuafa“ bis zum Biosphärenpark.

Wertigkeit der Objekte

Elisabeth Burtscher nimmt eine „Schuafa“ in die Hand, die zum Abschöpfen in der Sennerei diente. Für sie ist sie viel mehr als nur ein simples Arbeitsgerät, sondern die „vollendete Form“. Aus einem einzigen Stück Holz gearbeitet, mit einem trapezförmigen Griff, macht sie Lust, damit zu arbeiten. Die Kostbarkeit dieses „Kraftsymbols“ offenbart sich darin, dass sich Armut, Bitterkeit, Krankheit und Not nur überleben ließen, indem man alle Holzgeräte selber herstellte. Jede „Schuafa“ ist ein Einzelstück, beim genauen Betrachten lässt sich eine im Griff eingearbeitete Verzierung erkennen. „Je ärmer das Volk ist, ums so mehr braucht es Ästhetik und Kultur“, so Elisabeth Burtscher. Schüler*innen vermittelt sie die Wertigkeit alter Objekte, indem sie ihnen ein Handy der ersten Generation und eine „Dreija“, die ihr Vater beim Binden des Heuseils unzählige Male in der Hand gehabt hat, zeigt. Beides sind alte Dinge, doch wie sieht es mit der Wiederbeschaffungszeit aus? Im Gegensatz zu einem Handy, das sich in kürzester Zeit im Geschäft kaufen lässt, ist diese „Dreija“ nicht einfach austauschbar, ihre Einzigartigkeit macht sie so wertvoll.

Gemeinsam Perlen suchen

„Die sieben Perlen“ ist ein Vermittlungsprogramm für Familien oder Schulklassen. „Hier steht das spielerische Erforschen im Vordergrund, das aktive Handeln und das Ansprechen aller Sinne, ohne Ergebnisdruck“, betont Monika Martin. Sieben mit unterschiedlichen Farbpunkten markierte Kisten sind im ganzen Museum verteilt. Jede ist eine für sich abgeschlossene Einheit. Sie bergen Informationen und Aufgaben, die alle das Große Walsertal betreffen: Besiedlungsgeschichte, Gemeinden, Kultur, Wirtschaft, Energiegewinnung, Architektur und den Biosphärenpark. „Bei der Umsetzung ist Partnerarbeit gefragt“, erklärt Monika Martin. Das neu errichtete Atelier ist der ideale Ort dafür. Hier kann ein Schindeldach eingedeckt werden. Der Bau einer Pyramide macht die Fragilität des Lebensraums Biosphärenpark spielerisch erfahrbar. Diese Museumstour gleicht einem Puzzle. Durch das Vertiefen in Details lässt sich ein Bild für das größere Ganze entwickeln und der Blick für das Wesentliche wird geschärft.

„Steil ist es bei uns“

Stets ergeben sich Parallelen zu gegenwärtigen Situationen, beispielsweise zur Flüchtlingsthematik. Walser waren die ersten Migranten Vorarlbergs. In der museumspädagogischen Arbeit der beiden Walserinnen gilt es auch, „Vorurteile zu zertrümmern“. Wie etwa den Beigeschmack der Armut, der diese mit geistiger Einfachheit der Betroffenen gleichsetzt, oder das zäh anhaltende Vorurteil der Rückständigkeit. Diesen stellen sie ein vielschichtiges Bild der Walser gegenüber: vom Einfallsreichtum, der zum würdevollen Überleben in der Extremlage notwendig war und bis heute ist, über die den Montforter Grafen abgetrotzten eigenen Gerichtsbarkeit bis zu Macht und Ohnmacht im sozialen Zusammenleben. Sie halten ein Bürgermeisterschild hoch. Eines jener Auslegerzeichen – angebracht an Pfarrhöfen, Gasthäusern und den Häusern der Bürgermeister –, das die kirchliche, soziale und politische Macht symbolisierte. Nur jemand mit viel Grundbesitz konnte Bürgermeister werden, wer keinen Grund besaß, war nicht wahlberechtigt und damit „stimmlos“. Ein Textausschnitt, von Elisabeth Burtscher zitiert, lässt die Verstummten zu Wort kommen: „Steil ist es bei uns … Reiche gehen in die Breite, Arme müssen in die Höhe.“ (aus: Nikolaus Walter, Steiles Erbe)